DAS EXEMPEL

PORTRAIT STEFAN "LEHMI" LEHMANN

Es hört nicht auf

Das Kapitel sollte eigentlich längst geschlossen sein. Kämpfen an vorderster Front, davon wollte sich Capo Lehmi nach seinem Abschiedsspiel am 03. Dezember 2017 lossagen und andere Prioritäten setzen. „Ich wollte es nach dem Abschiedsspiel ruhig angehen lassen. Mehr Zeit der Familie widmen, im Beruf vorankommen, eben solche Sachen. Aber im Prinzip war mir schon bei den Durchsuchungen klar, dass ich mir das wohl abschminken kann.“

Als am Abend der Hausdurchsuchungen in einem eilig zusammengerufenen Treffen von Betroffenen, Vereinsvertretern und Unterstützern der Fanszene erste Prognosen über ein mögliches Strafmaß offenbart wurden, ging es sehr emotional zu. Eine erste Einordnung der vorgeworfenen Straftatbestände offenbarte, dass es um Haftstrafen geht und ein Prozess sehr aufwendig wird.

Bereits zu diesem Zeitpunkt war klar, dass die weiteren Monate in jedem Fall sehr viel Kraft und Einsatz abverlangen würden. Große Anstrengungen standen bevor. Einerseits finanziell, aber auch für die Psyche jedes Einzelnen und dessen Umfeld. Ab dem ersten Tag lastete somit ein enormer Druck auf allen Beteiligten und damit auch auf Lehmi.

Bauernopfer für die Politik

Doch damit waren die Betroffenen nicht allein, denn ganz gewaltiger Druck lag offenbar auch auf den Behörden. Von Seiten der Politik wurde deutlich, dass der Fanmarsch nicht ohne Konsequenzen bleiben dürfe. Bereits am Tag nach dem Spiel forderte der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière Haftstrafen. „Wer Ordner und Polizisten attackiert, ist in Wahrheit kein Fußballfan und gehört nicht ins Stadion, sondern hinter Schloss und Riegel.“ so der CDU-Politiker.

Nach Bekanntwerden der Ermittlungen gegen die 28 Beschuldigten drängte sich schnell der Verdacht auf, dass hier ein Exempel statuiert werden soll. Dass die Person Stefan Lehmann von Seiten der Staatsanwaltschaft besonders hohe Aufmerksamkeit genießen würde, war dabei sehr wahrscheinlich. Denn im Vordergrund der Ermittlungen standen keine Böllerwerfer oder andere Straftäter, sondern die angeblichen Organisatoren des Fanmarschs und mit ihnen Lehmi an der Spitze. Menschen, die Polizisten verletzt hatten, konnten nicht ermittelt werden. Also mussten diejenigen herhalten, die diese Taten nach Meinung der Staatsanwaltschaft allein mit der Planung eines Fanmarschs bereits billigend in Kauf genommen hatten. Als Anführer des Marsches soll Lehmi laut Staatsanwaltschaft besonderen Einfluss gehabt haben und war somit ein sogenannter Rädelsführer. Außerdem habe er laut den Ermittlern im Vorfeld an der Planung mitgewirkt, auch wenn dafür bis heute keine Beweise vorliegen und letztlich alles auf Vermutungen der Behörden beruht.

Gefährliches Signal

 

Nach Lehmis Einschätzung sollte diese Sicht der Behörden ein Alarmsignal für andere Fanszenen sein. „Normalerweise kann es in Zukunft keine Fanmärsche mehr geben, denn die Gefahr, dass dort jemand verletzt wird oder andere Straftaten geschehen, kann keiner ausschließen. Wenn dann immer diejenigen dafür haften müssen, die nach Meinung irgendeines Szenekundigen Beamten ein Bestandteil der aktiven Fanszene sind, dann gute Nacht.“

Urteil stand bereits fest

In einem Verteidigergespräch in Karlsruhe zwischen Staatsanwaltschaft und einer Gruppe Anwälte, anberaumt um die Möglichkeiten eines schnellen und fairen Verfahrensabschlusses zu diskutieren, verstärkte sich der Eindruck, dass ein Urteil in diesem Fall längst gesprochen wurde und die Justiz hier ein deutliches Zeichen setzen wollte. „Unseren Anwälten wurde ganz deutlich klargemacht, dass dieses Verfahren einen hohen Stellenwert hat und insbesondere ich als Rädelsführer besondere Aufmerksamkeit genieße. Ein Freispruch? In Karlsruhe? Bei dem politischen Druck? Vergiss es!“

Mit dem Eingang des Strafbefehls kippte Lehmi dann aber gänzlich „aus den Latschen“, wie er sagt. „Man hatte sich nach dem Gespräch in Karlsruhe ja fast schon damit abgefunden, dass es nun mal so ist, wie es ist.“ Doch anders, als vorher von der Staatsanwaltschaft angekündigt, stand nun auch der Tatvorwurf der gemeinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung gegen Polizisten im Raum. „Jeder, wirklich jeder, konnte sehen, dass ich genau das nicht gemacht hatte. Ich habe niemanden verletzt und auch niemanden dazu animiert.“ Doch genau das warf ihm die Staatsanwaltschaft nun plötzlich vor. Für Laien mag das nur ein juristisches Detail sein, welches am Strafmaß nichts ändert. Doch durch den Tatbestand der Körperverletzungen könnten nun zivilrechtliche Forderungen der Geschädigten folgen.

Warum sich niemand wehrt

 

„Natürlich finde ich das Urteil ungerecht. Natürlich ist es völlig überzogen und am Ende eine Retourkutsche, weil an dem Tag einigen Leuten auf den Schlips getreten wurde.“, sagt Lehmi. Aber warum akzeptiert man ein solches Urteil dann? „Es ist natürlich für einen Außenstehenden extrem einfach zu sagen, dass man das nicht so einfach hinnehmen kann. Aber über die Konsequenzen, die so ein Gerichtsverfahren dann mit sich bringt und was das alles für einen persönlich bedeutet, denken die Wenigsten nach.“ Dass die Strafen theoretisch noch höher ausfallen könnten, ist dabei nur einer von vielen Aspekten.

Denn zuerst einmal geht es um den langen Weg, der zu einem Urteil führt. Nach Aussagen der Staatsanwaltschaft konnte das Verfahren auf Grund des hohen Umfangs nicht nach Dresden abgegeben werden. Es wäre also völlig illusorisch zu glauben, dass so ein Prozess nach drei Stunden am Amtsgericht beendet ist. Stattdessen würde die Verhandlung direkt am Landgericht beginnen. Als nächste Instanz wäre der Bundesgerichtshof zuständig.

Finanzielle und Emotionale Belastung

Solch ein Verfahren hätte sehr viele Verhandlungstage zur Folge, denn allein die Liste der Zeugen ist lang. Hinzu kommen die anderen Beschuldigten, die ebenfalls als Zeugen vorgeladen werden können. Dazu kommen Gutachter, Sachverständige, Experten. Ohne Zweifel würde alles auf einen sehr langen Rechtsstreit hinauslaufen.

Und das bedeutet zuerst einmal eine enorme finanzielle Belastung. Anwälte müssen bezahlt werden. Nicht nur am Verhandlungstag, sondern auch für die Arbeit, die zwischen den Verhandlungstagen anfällt. Es entstehen Fahrtkosten, Verdienstausfälle, Auslagen. All das summiert sich.

Bereits heute, also ohne Einspruch gegen das Urteil, sind bei Lehmi Anwaltskosten in Höhe von ca. 14.000 € zusammengekommen. Hinzu kommt die Geldstrafe in Höhe von 10.000 €, die in seinem Fall pauschal festgelegt wurde und sich nicht an Tagessätzen und Einkommen orientiert. Lehmi trägt damit bereits jetzt die höchsten Kosten des Verfahrens aller Personen. Nur den Verein Forza Dynamo e.V., welcher die Choreos der Fanszene finanziert, hat es mit 50.000 € noch härter erwischt.

Zu einer prekären finanziellen Situation käme die psychische Komponente dazu. „So ein langer Prozess geht nicht spurlos an dir vorbei.“ sagt Lehmi. Alleine die letzten zwei Jahre waren eine enorme Belastung für die Seele. Die Ungewissheit, in welche Richtung das Verfahren geht, kann einen Menschen verrückt machen. Das familiäre Umfeld, allen voran Frau und Kinder, bleiben davon ebenfalls nicht unbeeindruckt. Auch für sie bedeuteten bereits die letzten Jahre eine enorme Drucksituation. Statt Zeit mit der Familie zu verbringen, würde man im Gerichtssaal sitzen. Mit einem schnellen Abschluss des Verfahrens kann man einigen Druck vom persönlichen Umfeld nehmen. „Ich muss hier dann auch ein Stück weit an meine Familie denken, das ist völlig klar.“

Druck gäbe es aber auch von anderer Seite. „Was denkst du, wie mein Arbeitgeber reagiert, wenn ich ständig kurzfristig freinehmen muss, weil ich wieder nach Karlsruhe fahre? Na, der wird sich bedanken.“ veranschaulicht Lehmi die Situation im Berufsleben. Daneben wolle Lehmi studieren. Mit einem Kopf, der nicht bei der Sache ist, könne man das vergessen, so Lehmi.

KOSTEN DES VERFAHRENS

Stand heute belaufen sich die Gesamtkosten aller Beschuldigten für Anwalts-, Straf- und Verfahrenskosten auf 290.000 Euro!
Davon wurden 89.000 Euro bereits bezahlt. Unsere Reserve beträgt aber gerade mal noch 22.000 Euro. Es werden also nach jetzigem Stand noch 179.000 Euro gebraucht, um die Anwaltskosten und Strafbefehle, Bußgelder und Verfahrenskosten zu bezahlen! Und das sind nur die Kosten für die ersten 28 Beschuldigten mit Hausdurchsuchungen im Dezember 2017.

Geldstrafen in €

Strafe Forza Dynamo in €

Anwaltskosten in €

offene Kosten (geschätzt)

 

Die angegeben Werte beziehen sich auf derzeit feststehende Kosten. Das beinhaltet sowohl bereits bezahlte, als auch durch rechtskräftige Urteile angekündigte Rechnungen, die noch nicht beglichen werden konnten.

KOSTEN DES VERFAHRENS

Stand heute belaufen sich die Gesamtkosten aller Beschuldigten für Anwalts-, Straf- und Verfahrenskosten auf 290.000 Euro!
Davon wurden 89.000 Euro bereits bezahlt. Unsere Reserve beträgt aber gerade mal noch 22.000 Euro. Es werden also nach jetzigem Stand noch 179.000 Euro gebraucht, um die Anwaltskosten und Strafbefehle, Bußgelder und Verfahrenskosten zu bezahlen! Und das sind nur die Kosten für die ersten 28 Beschuldigten mit Hausdurchsuchungen im Dezember 2017.

Geldstrafen in €

Strafe Forza Dynamo in €

Anwaltskosten in €

offene Kosten (geschätzt)

 

Die angegeben Werte beziehen sich auf derzeit feststehende Kosten. Das beinhaltet sowohl bereits bezahlte, als auch durch rechtskräftige Urteile angekündigte Rechnungen, die noch nicht beglichen werden konnten.

Vernunft geht vor

All das sind Komponenten, die kurz erklären, warum es kein Kinderspiel ist, in einen Rechtsstreit zu ziehen. „Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.“, fasst Lehmi die Situation aus seiner Sicht zusammen und hofft nun natürlich trotzdem auf Verständnis innerhalb der Dynamo-Familie.

„Was bringt es mir, wenn ich die Bewährung los bin, weil der Landfriedensbruch vom Tisch ist, ich aber trotzdem für den Verstoß für das Uniformverbot verurteilt werde und alle Kosten tragen muss? Privatinsolvenz statt Bewährung? Das ist für mich keine wirkliche Option.“ Das ist auch den Behörden in Karlsruhe klar gewesen, die die Strafbefehle bei allen Beteiligten so angesetzt haben, dass es gerade noch erträglich ist.

Auf finanzielle Unterstützung durch Andere zu hoffen, war Lehmi für den Fall eines Verfahrens zu unsicher. Die Spendenbereitschaft wäre jetzt natürlich enorm, aber diese Bereitschaft könne auch irgendwann zurückgehen, meint Lehmi. „Wenn sich so ein Verfahren über Jahre hinziehen sollte, sind die Leute auch irgendwann genervt, wenn ich ständig nach mehr Kohle bettele.“
Alles in allem gab es somit zu viele unsichere Faktoren, die ihn vor einen Gang vor Gericht abschreckten.

„Straffrei wäre ich hier nicht rausgegangen, das ist für mich klar. Und dann schlucke ich halt lieber diese extrem bittere Pille, aber kann in 15 Jahren meinen Kindern vielleicht das Studium finanzieren, anstatt ihnen erklären zu müssen, dass dafür leider kein Geld mehr da ist.“

Lehmi möchte den Kopf jedenfalls nicht in den Sand stecken und weiter kämpfen. Es geht jetzt für ihn darum, dass möglichst alle ohne größeren finanziellen Schaden aus der Sache herauskommen. „Wenn wir das als Sportgemeinschaft irgendwie schaffen, zeigen wir, dass wir hier in Dresden eben doch noch ein bisschen anders sind. Das wäre ein ganz starkes Zeichen.“

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