Jäger und Sammler

Aug 5, 2019 | Medien, Online, Presseschau, Print

Im österreichischen Fußball-Magazin ballesterer ist in Ausgabe #143 ein Artikel zum aktuellen Stand der Ermittlungen im Zusammenhang mit den Ereignissen in Karlsruhe im Mai 2017 erschienen, den wir Euch empfehlen möchten:

Jäger und Sammler

Erschienen: 11. 07. 2019
Redakteur: Moritz Ablinger

Link: https://ballesterer.at/2019/07/10/jaeger-und-sammler/

 

Zwei Jahre nach den Ausschreitungen bei einem Auswärtsspiel von Dynamo Dresden ermittelt die Polizei immer noch gegen Fans. Der Tathergang spielt dabei kaum eine Rolle.

Karlsruhe, 14. Mai 2017. Rund 2.000 in Militärfarben gekleidete Fans von Zweitligist Dynamo Dresden ziehen Richtung Wildparkstadion. Fast alle tragen T-Shirts und Fischerhüte im Camouflagelook, immer wieder hüllt sich der Block in grünen Rauch. Davor laufen zwei Trommler, die einer Militärkappelle entsprungen sein könnten. Hinter ihnen prangt die Botschaft der Dresdner Auswärtsfahrt: Krieg dem DFB.

Mehr als zwei Jahre ist das her. Der Auftritt der Dynamo-Fans im Mai 2017 wurde nicht nur zum Auftakt einer Kampagne deutscher Fanszenen, auch die Polizei ermittelt seither. Sie hat Häuser durchsucht, ein Konto gepfändet und mehrere Terabyte Daten beschlagnahmt. Ein Prozessbeginn ist dennoch nicht abzusehen. „Seit den Hausdurchsuchungen ist viel passiert. Wir als Fans haben uns in der Zwischenzeit solidarisiert und das ‚Solidaritätskomitee Dynamo‘ ins Leben gerufen. Auch der Verein greift uns unter die Arme“, sagt Corinna Funke vom „SoKo Dynamo“. „Bei dem was hier passiert ist, hat man nicht das Gefühl, das es allein um Karlsruhe geht.“

 

VOM KRIEG ZUR KAMPAGNE

Was dort geschah, ist weitgehend geklärt. Immer wieder flogen aus dem Dresdner Marsch pyrotechnische Gegenstände in Richtung der umstehenden Polizisten. Am Stadion angekommen entzogen sich Teile der Dynamo-Fans den Einlasskontrollen und stürmten den Gästesektor. 15 Beamte und 21 Ordner seien auf diese Weise verletzt worden, erklärte die Polizei am Tag danach. Außerdem hätten Anhänger Imbissstände überfallen. „Das Ziel der Fans war es nicht, Menschen zu verletzen“, sagt Funke dem ballesterer. „Die Polizei hat völlig überreagiert.“ Vor Ort griff sie aber kaum ein. Die Einsatzleitung entschied sich gegen Identitätsfeststellungen und Verhaftungen, die Täter sollten nachträglich per Videoüberwachung ausfindig gemacht werden.

Während die Polizei ermittelte, stieß der Auftritt der Dresdner eine Debatte an. Der Auslöser für die Aktion war eine Stadionsperre des Heimsektors in Karlsruhe. Nachdem KSC-Fans ein Monat zuvor beim Derby gegen den VfB Stuttgart massiv Pyrotechnik gezündet hatten, sperrte der DFB fast das komplette Stadion. Nur Rollstuhlfahrer, Saisonabobesitzer auf Sitzplatztribünen und Gästefans durften hinein. „Wir mussten uns solidarisch zeigen“, schrieben die „Ultras Dynamo“ in einer Aussendung. „Dem DFB wäre es am liebsten, dass dieses ganze unbequeme Publikum für immer verschwindet.“

 

Das unbequeme Publikum

Solidarität benötigten anschließend die Dynamo-Ultras, der Verband kündigte nach dem Fanmarsch harte Strafen an. „Krieg dem DFB“ war bald in vielen Fankurven zu lesen, aus dem Slogan entwickelte sich eine Kampagne. Der wichtigste Kritikpunkt der Fans waren Kollektivstrafen, also das Sperren ganzer Sektoren für das Vergehen Einzelner. Im August 2017 ging der DFB auf die Fans zu, er setzte Kollektivstrafen bis auf Weiteres aus.

Solche Kompromisse wollte die Polizei nicht eingehen. Am 5. Dezember 2017 rückten 370 Beamte in Dresden an, um 31 Häuser zu durchsuchen. „Wir wollen die Organisatoren und Kommandeure des Marsches identifizieren“, sagte Polizeisprecher Raphael Fiedler bei der anschließenden Pressekonferenz. „Dafür haben wir hier Beweismaterial sichergestellt.“ Die Polizei beschlagnahmte einen Schlagring, mehrere pyrotechnische Gegenstände und eine große Zahl an Speichermedien – Laptops, Handys und USB-Sticks. Überall, so die Begründung für die Datensammlung, könnten sich Informationen zum Marsch in Karlsruhe finden lassen.

 

SOKO KARLSRUHE

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 28 Personen wegen des Verdachts auf Landfriedensbruch, also der Teilnahme an Gewalttaten, „die aus einer „Menschenmenge in einer die öffentliche Sicherheit gefährdenden Weise mit vereinten Kräften begangen werden“, wie es im Gesetzestext heißt. Wer die Körperverletzungen in Karlsruhe begangen hat, kann die Polizei nicht sagen. Die Täter hätten sich vermummt, erklärt Fiedler auf der Pressekonferenz. „Die Leute haben die Ermittlungen völlig unerwartet getroffen“, sagt Funke. „Einige waren nicht einmal in Karlsruhe.“ In der medialen Berichterstattung wurde nach den Hausdurchsuchungen die Kritik am Vorgehen der Polizei laut: Es habe sich eine Szenerie geboten, wie man sie bei der Verfolgung von Schwerverbrechern und Terroristen kennt, schrieb etwa der Spiegel.

Die Polizei störte das wenig. Im Juli 2018 veranlasste die Karlsruher Staatsanwaltschaft zudem die Pfändung des Kontos des Vereins „Forza Dynamo“. Über diesen finanziert die Dresdner Fanszene in erster Linie Choreografien, so auch jene für das Auswärtsspiel beim KSC. Über 22.000 Euro hätte „Forza Dynamo“ damit eingenommen, die militärische Aufmachung an die mitgereisten Fans verkauft zu haben. Die Staatsanwaltschaft bezeichnete das als Tatertrag. Das Konto wurde gesperrt, bis die Dresdner die Summe erstattet hatten. „Die Pfändung kam sehr überraschend“, sagt Corinna Funke. „Und diese Summe ist ja nicht der Ertrag. Das Material musste vorher gekauft werden, wie es auch jedes normale Geschäft tut.“

Nach den Hausdurchsuchungen gründeten Fans das „Solidaritätskomitee Dynamo“, um den Beschuldigten beizustehen. „So eine Ermittlung wirkt sich auf die Psyche aus“, sagt Funke. „Zum Teil machen sich die Leute immer noch Sorgen, wenn früh am Morgen jemand an der Tür klingelt.“ Daneben sammelte das „SoKo“ Spenden und übernahm die Verbindlichkeiten nach der Kontopfändung. Mittlerweile unterstützt auch der Verein dieses Anliegen. Nach dem Heimspiel gegen den 1. FC Magdeburg im März versteigerte die SG Dynamo alle getragenen Dressen zu Gunsten des „SoKo“. Fast 9.000 Euro brachte die Auktion ein.

Auch Spenden aus einer Pfandbechersammlung in Kaiserslautern sowie aus Fanklubfahrten kommen dem Projekt zugute. „Die Solidarität in der Dynamo-Fangemeinde macht uns stolz. Auch in der neuen Spielzeit wird es kleinere und größere Unterstützungsaktionen von Fans und Verein geben“, sagt Funke. Wie es juristisch weitergeht, lässt sich schwerer einschätzen. „Man erfährt sehr wenig von der Staatsanwaltschaft. Wir wissen nur, dass die Ermittlungsakten immer dicker und dicker werden.“ Zwei Jahre nach dem Fanmarsch hat die Polizei kaum neue Erkenntnisse darüber, was an diesem Nachmittag passiert ist. In der Dresdner Fanszene kennt sie sich dank der beschlagnahmten Datenträger aber nun viel besser aus.

SPENDET FÜR DIE BETROFFENEN

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Bitte spendet für die Verfahrenskosten entweder auf das hier angegebene Konto oder bei den Sammelaktionen, die es ab sofort bei den Heim- und Auswärtsspielen der Sportgemeinschaft Dynamo Dresden geben wird. Außerdem: werdet Mitglied in der Schwarz Gelben Hilfe! www.schwarz-gelbe-hilfe.de oder persönlich zu jedem Heimspiel am SGH-Stand hinter dem K-Block! Ob jung, ob alt: was zählt ist der Zusammenhalt!

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