KREISEL-Interview mit Corinna Funke

Apr 6, 2018 | Aktuelles, Alle, Neuigkeiten, Statements

„Das macht eine Gemeinschaft aus.“

Zum Heimspiel gegen Nürnberg erschien im Kreisel ein Interview mit einer Vertreterin des Soko Dynamo, welches wir euch an dieser Stelle vorstellen:
Vor dem Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg trafen wir uns mit Corinna Funke, die gemeinsam mit einigen anderen Dynamo-Fans das „Solidaritätskomitee Dynamo“ ins Leben gerufen hat. Mit ihren Mitstreitern setzt sie sich dafür ein, unter anderem Spenden für die von den Hausdurchsuchungen im Dezember 2017 betroffenen 28 Dynamo-Fans zu sammeln. Das Geld wird dafür verwendet, die Anwalts- und auch mögliche Prozesskosten der Fans zu decken.Wir sprachen mit Corinna, die in Annaberg-Buchholz zur Welt gekommen und in Radebeul bei Dresden aufgewachsen ist, über eine Pressekonferenz von Staatsanwaltschaft und Polizei aus Karlsruhe, die im Raum stehenden Vorwürfe und die Selbstkritik der Dynamo-Fans. Wir wollten wissen, warum sie sich seit Jahren aktiv für die Belange der Fans einsetzt und ihre Freizeit nach den Spieltagen der SGD ausrichtet. Außerdem verriet uns die 29-Jährige, wie viel Geld bisher durch das „Soko-Dynamo“ zusammengekommen ist. 
Corinna, seit wann bist du als Fan mit der SGD verbunden?
Das Ganze hat für mich 2002 angefangen. Mein erstes Spiel habe ich direkt nach einer empfindlichen Zahn-OP besucht, das Erlebnis ist haftengeblieben. Seit dieser Zeit bin ich regelmäßig ins Stadion gegangen und immer öfter auch zu den Auswärtsspielen mitgefahren. Meine Verbindung zu Dynamo ist so immer enger geworden. Relativ schnell zog es mich mit Freunden dann auch in den K-Block, so ist über die Jahre auch der Kontakt zur aktiven Fanszene im Verein entstanden.

Wie würdest du deine Rolle heute innerhalb der Fanszene beschreiben?
Mein Fandasein ist über die Jahre in jedem Fall viel aktiver geworden. Ich habe mit der „Fanzeit“ bei Heimspielen im Stadionprogramm und der Unterstützung beim Aufhängen der Zaunfahnen meinen Platz innerhalb der aktiven Fanszene gefunden.

Warum liegt es dir am Herzen, Freizeit für Verein und Fans zu opfern?
In den zurückliegenden 16 Jahren ist der Verein ein wichtiger Teil meines Lebens geworden, den ich nicht mehr missen möchte. Meine Freizeit neben meinem Beruf richtet sich nach den Spieltagen und meinem Engagement als Fan für den Verein. Die Energie, die ich da reinstecke, macht mir einfach große Freude und gibt mir persönlich auch was zurück. In dieser Zeit sind viele Freundschaften entstanden, der größte Teil meines Freundeskreises ist heute irgendwie auch mit Dynamo verbunden.

Zum Heimspiel gegen St. Pauli im Januar hast du in der „Fanzeit“ auf dem Rasen eine Spendensammlung für die 28 Dynamo-Fans vorgestellt, die im Dezember von den Hausdurchsuchungen betroffenen waren. Wann entstand die Idee dazu in der Fanszene?
Die Idee zur Unterstützung ist direkt am ersten Abend nach den Hausdurchsuchungen entstanden, als sich die Betroffenen zusammengesetzt haben. Konkreter wurde das dann über den Weihnachtsurlaub diskutiert. Nach dem Jahreswechsel gab es ein weiteres Treffen, bei dem sich Interessierte zusammengesetzt haben, die helfen wollten, um die Betroffenen in der ungewissen Situation nicht allein zu lassen. Im Ergebnis stand dann unter anderem auch die Gründung des Solidaritätskomitees Dynamo, das „Soko-Dynamo“.

Wofür sollen die Spendengelder konkret eingesetzt werden, die durch „Soko-Dynamo“ gesammelt werden?
Hauptsächlich dafür, um alle Kosten zu decken, die für Anwälte und einen möglichen Gerichtsprozess in Karlsruhe anfallen werden. Darüber hinaus wird das Geld natürlich für alle mit dem Ermittlungsprozess verbundenen Kosten eingesetzt, die den Betroffenen in Rechnung gestellt werden. Was in Summe unheimlich viel Geld sein wird.

Wie viel Geld ist bisher zusammengekommen?
Bisher ist durch die Spendensammlung ein hoher vierstelliger Betrag zusammengekommen.

Wie können sich Menschen an der Spendensammlung beteiligen, die weiter weg wohnen und nicht zu jedem Heimspiel in Dresden im Stadion sein können?
Zum einen kann sich jeder über das Spendenkonto an der Sammlung beteiligen. Zum anderen kann jeder kreativ werden und sich zum Beispiel mit einem Fanclub eigene Aktionen zur finanziellen Unterstützung überlegen. Wir als „Soko-Dynamo“ unterstützen dabei immer gerne und stehen mit Rat und Tat als Ansprechpartner zur Seite. Wenn Aktionen von Fanclubs geplant werden, freuen wir uns über eine kurze Information oder wenn Fragen aufkommen, kann sich jeder per E-Mail gern an uns wenden.

Es gibt sowohl eine Website als auch verschiedene Plattformen in den Sozialen Medien von „Soko-Dynamo“. Welcher Personenkreis engagiert sich als „Solidaritätskomitee Dynamo“ neben dir für die Betroffenen?
Im Moment gehören insgesamt sechs Personen dazu, die sich unmittelbar im „Soko“ engagieren. Der Kreis ist mit Vertretern aus der gesamten Fanszene bunt durchgemischt. Von jung bis alt ist alles im Kreise der Unterstützer vertreten.

Beim Auswärtsspiel gegen Union Berlin im Dezember wurde ein Spruchband mit der Aufschrift „28 Betroffene – alle sind gemeint“ im Block hochgehalten. Wie wichtig ist den Betroffenen das Gefühl der Solidarität?
Das Gefühl, dass eine breite Masse hinter ihnen steht, hilft den Betroffenen ungemein. Das wurde mir in den zurückliegenden Wochen immer wieder so bestätigt. Niemand fühlt sich in dieser schwierigen Situation im Stich gelassen, gerade das macht doch eine Gemeinschaft auch aus. Wir sind in den zurückliegenden Jahren eine echte Sportgemeinschaft geworden. Bei Dynamo haben wir gelernt, dass man sich unterstützt und hilft, dass man füreinander da ist und niemanden so schnell fallen lässt. Wenn gestandene Jungs – wie nach den Hausdurchsuchungen – mit Tränen in den Augen vor dir stehen, dann denkt man über die gesamte Situation noch einmal ganz anders nach, in der sich die Betroffenen befinden.

Eine Hausdurchsuchung bedeutet einen Eingriff in die absolute Intimsphäre. Wie sind die Betroffenen mit dieser einschneidenden Erfahrung umgegangen?
Es sind auch Leute aus meinem Freundeskreis betroffen. Die meisten haben an dem Tag selbst gar nicht realisieren können, was da eigentlich passiert war. In diesen ersten Stunden standen viele noch unter Schock. Manche haben panisch reagiert, andere haben versucht, es zu verdrängen. Die meisten sind aber direkt sehr ernsthaft und realistisch mit der Situation umgegangen. Was im Zuge der Ermittlungen schon Monate vor den Hausdurchsuchungen vonstatten gegangen sein muss, ist kein Spaß für die Betroffenen. Man kann davon ausgehen, dass sie über Wochen observiert, überwacht und abgehört wurden. Im Nachhinein ist klar geworden, was das eigentlich für ein gravierender Eingriff ist – in die persönlichsten Belange jedes einzelnen, aber auch in die Familien. Die Hausdurchsuchungen und deren Begleitumstände haben die Leute sehr mitgenommen.

Wie wurde die Pressekonferenz der Beamten aus Karlsruhe in Dresden im Anschluss an die Hausdurchsuchungen aufgefasst?
Auf mich persönlich wirkte der Auftritt skandalisierend, mit wenig inhaltlicher Substanz. In den Äußerungen der Beamten auf der Pressekonferenz klang zudem eine große Portion öffentlicher Vorverurteilung an. Schockierend fand ich dabei, dass mehrfach herausgestellt wurde, dass man keine Personen identifiziert hat, die Straftaten begangen haben, sondern sich auf Personen konzentriert hat, die den Fanmarsch organisiert haben sollen. Ich habe mir nach diesem Auftritt die Frage gestellt: Was darf man eigentlich noch als Fan bei Fußballspielen, und was wirft man diesen Menschen konkret vor?

Die Medienöffentlichkeit hat sich kritisch mit dieser Pressekonferenz auseinander gesetzt …
Ich glaube, die vielen kritischen Nachfragen der anwesenden Journalisten wurden von einer breiten Öffentlichkeit sehr positiv aufgefasst. Endlich wurde mal nicht einfach der Bericht der Polizei ins Notizbuch geschrieben und am nächsten Tag in den Zeitungen weiterverbreitet. In den meisten Medien gab es eine kritische und differenzierte Berichterstattung. Das ist im Zusammenhang mit Ereignissen rund um den Fußball leider nur sehr selten der Fall.

Gab es in der aktiven Fanszene auch einen kritischen Umgang damit, was beim Fanmarsch in Karlsruhe aus dem Ruder gelaufen ist, was nicht tolerabel war?
Die selbstkritische Aufarbeitung hat direkt nach dem Spiel in Karlsruhe begonnen. Die Plünderei der Verpflegungsstände und das Werfen von Pyrotechnik und anderen Gegenstände auf Polizeibeamte gehören zu den Dingen, die innerhalb der aktiven Fanszene des Vereins abgelehnt und verurteilt werden. Weil genau durch solche Aktionen die eigentlichen Botschaften der Fanszene immer wieder in den Hintergrund gerückt werden.

Brustsponsor-Aktion, Zukunft Dynamo, Faninitiative Schuldentilgung und zwei Sonderumlagen waren seit dem Jahr 2000 nur einige Aktionen, mit denen sich Fans und Mitglieder für ihren Verein eingesetzt haben. Was bedeutet es den Fans deiner Meinung nach, dass sich jetzt Verein und Fanshop mit dem Sondertrikot auch für die Fans eingesetzt haben?
Das ist in Deutschland wohl eine einmalige Aktion. Die Wertschätzung und Unterstützung der Fankultur ist dem Verein und den Mitarbeitern des Fanshops eben auch eine Herzensangelegenheit. Das wird von allen gelebt, dafür gebührt den Verantwortlichen ein großes Dankeschön. Und es ist ein ganz klares Zeichen dafür, dass der Verein hinter seinen Fans steht und den Leuten den Rücken stärkt. Damit keine Missverständnisse entstehen – der Verein hat unmittelbar nach Karlsruhe auch klar kommuniziert, welche Vorfälle dort nicht toleriert werden können und deshalb bestraft werden müssen.

Wie viel Geld wird benötigt, falls es für die 28 Betroffenen zu einem Prozess kommen sollte?
Dazu muss man vielleicht einmal kurz erklären, dass es bis zu einem möglichen Prozess schon zu erheblichen Kosten kommt, da jeder der 28 Betroffenen einen eigenen Anwalt benötigt, der ihn durch das gesamte Ermittlungsverfahren begleitet und juristisch vertritt. Die Anwälte haben bereits jetzt sehr viel zu tun, um sich einen Überblick über den aktuellen Stand des Verfahrens zu verschaffen. Die Akten umfassen gegenwärtig rund 1.000 Seiten. Wenn man allein die Arbeitsstunden für die 28 Anwälte bis zu einem möglichen Prozess addiert, entstehen Kosten bis zu einem hohen fünfstelligen Betrag. Welche enorme finanzielle Belastung bei einem möglichen Prozess, der sich über Monate oder Jahre hinziehen kann, auf die Betroffenen zukommen würde, kann im Moment noch niemand abschätzen. 

Was passiert mit den Spenden, wenn es nicht zu einem Gerichtsprozess in Karlsruhe kommen sollte?

Wenn Geld übrig bleibt, dann würde das in Form von Spenden an verschiedene Projekte in der Stadt und der Region fließen. Dafür kämen soziale und karitative Einrichtungen sowie Dynamos Nachwuchs Akademie in Frage. Aber das wird erst dann konkret besprochen, wenn die Situation so eintreten sollte. Im Moment konzentrieren wir uns auf die Spendensammlung, denn es wird noch sehr viel Geld benötigt. Corinna, vielen Dank für das Gespräch und viel Kraft weiterhin für eure Initiative. 

Interview: Henry Buschmann
Fotos: Steffen Kuttner
Quelle: Dynamo Dresden